Nachruf – Hans Jörg Scherr

„Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.“

So hat es der Dichter Rainer Maria Rilke formuliert.

Wir waren überzeugt, Hans-Jörg – „Hansi“ steht mitten im Leben. Keine 43 Jahre alt: verheiratet mit einer wunderbaren Frau, zwei Kinder, die immer selbständiger werden. Ein kontaktfreudiges Naturell, jemand, der leicht Anschluss findet, weil er so liebenswert ist.

So genau wussten wir nicht, wie sein Leben in den letzten Jahren ausgesehen hat. Aus familiären Gründen hatte er keine Zeit mehr, zu den Proben zu kommen.  Was uns sehr leid getan hat, aber was wir natürlich verstanden haben.

Wir waren überzeugt, es geht im gut und er hat es schön im Leben.

Bis uns dann aus heiterem Himmel die schreckliche Nachricht von seinem Tod erreicht hat.

Als er noch Junggeselle war, hat er sich unseren Chor im Internet ausgesucht. Weil er gerne in einer Gemeinschaft singen wollte. Seine Wahl ist auf uns gefallen, das hat er selber gesagt, weil wir den sympathischsten Eindruck gemacht haben. Die Zuneigung beruhte sofort auf Gegenseitigkeit, wir hatten alle das Gefühl: der passt zu uns, was für ein Glück, dass wir zusammen gefunden haben.

Und Hans-Jörg war nicht nur eine musikalische Bereicherung und tragende Säule im Bass. Er hat sich auch in andere Vereinsaktivitäten eingebracht, mit Herz und Hirn, mit Rat und Tat. So hat er die Sängerinnen und Sänger in seine Heimat, nach Mayerhofen in Tirol, entführt. Uns Flachländern, die am Fuße des Leithagebirges Leben, hat er gezeigt, was richtige Berge sind. Almabtrieb inklusive. Von dem zweitätigen Ausflug werden heute noch viele Geschichten erzählt, er war für alle ein eindrückliches Erlebnis.

Hans-Jörg war ein Freund zum Pferdestehlen. Und er war ein Mann, der auf sein Herz gehört hat. Als er seine Liebe in einem weit entfernten und schwer geprüften Land gefunden hat, da hat er sich nicht von Zweifeln leiten lassen sondern von seinen positiven Gefühlen. Er hat seine Alona geheiratet und uns schöne Fotos von der Hochzeit geschickt. Er war nicht blauäugig. Er hat gewusst, dass da auch viele Komplikationen ins Haus stehen. Aber die Liebe war stärker.

Als sein Bass-Kollege Rudi Pürer todkrank war, da haben wir den so fröhlichen und zupackenden Hans-Jörg von seiner einfühlsamen Seite kennen gelernt. Immer wieder hat er nachgefragt, wie es ihm geht. Immer wieder hat er seine Hilfe angeboten.

Ich stelle mir vor, wie die beiden – wo immer sie jetzt sein mögen – zueinander gefunden haben und miteinander singen. Mit unserem verstorbenen Ehrenobmann Fritz Taschke als dritten im Bunde. Vielleicht studieren sie gemeinsam gerade ein paar legendäre Rat-Pack-Nummern ein: „Somewhere over the Rainbow“ und „My Way“ zum Beispiel. Sie proben miteinander und haben ihre Freude daran. Mich auf jeden Fall tröstet diese Vorstellung. Und vielleicht bin ich da nicht die Einzige…

– Brigitte Krautgartner